Hauptsache jesund!

Das hier wird ja nun zu einer regelmäßigen Kolumne, ähnlich wie CSV rules auch. Das Thema dieser Woche lautet “Wieviel Sport treibst Du – und was?“. Gut, der Titel hätte vielleicht ein paar grammatikalische Gedanken-Arbeit mehr verdient, aber darum gehts ja erstmal nicht. Hier also mein Beitrag.

Hätte ich vor vielleicht 2 Monaten diesen Artikeln geschrieben, wäre etwas komplett anderes dabei heraus gekommen. In der Zwischenzeit haben mich nämlich diverse subtile Hinweise meines Körpers und das damit einhergehende schlechte Gewissen dazu getrieben, ein lokales Fitneßstudio aufzusuchen und mich dort anzumelden. Das war keine einfache Entscheidung für mich, weil genau diese Art von “Sport” eigentlich so gar nicht in meinem Lust-Reservoir angesiedelt ist. Wie es dazu kam, dass ich nun stoisch dämliche Übungen wiederhole und dabei auf eine Lichtorgel starre, möchte ich hier nun kurz (oder auch länger) erläutern.

Zunächst einmal zu meiner sportlichen Vergangenheit aus den Tagen, an denen ich noch nicht vom Dämon der nie enden wollenden Terminverpflichtungen heimgesucht worden war. Als ich also noch Herr meiner Zeit war, war ich ein recht erfolgreicher Tae-Kwon-Do-Recke. Nach mehreren Jahren der Durchführung dieses eher körper-erodierenden Freizeitvergügens stellte ich dann irgendwann fest, dass ich keine Lust mehr hatte, wöchentlich einmal in der Ambulanz anzutreten und hörte damit auf.

In der Zeit davor, also meiner Kindheit, war ich ziemlich aktiv im Handball und habe überhaupt eine Affinität zu allen Formen von Ballsportarten. Besonders Basketball hatte es mir aufgrund der schönen Mischung aus Dynamik, Teamgeist und Präzision irgendwie angetan. Apropos Präzision: Für den gediegenen Ausgang eines Abends gab und gibt es für mich nichts schöneres als eine Partie Billard und hier am Besten Snooker.

Wenn man das so liest, sollte man meinen, dass ich eigentlich keine Probleme haben sollte, meinen von Computern zum Stillsitzen in ungesunden Haltungen verdammten Körper ein paar Stunden pro Woche wieder in die richtige Trimmung zu bringen. Das stellt sich bei näherer Betrachtung allerdings als schwieriger heraus, als anfangs gedacht.

Zunächst einmal ist da diese Sache mit den anderen Menschen. Über die Jahre bekomme ich immer mehr das Gefühl, dass meine Zuneigung zu den meisten Mitmenschnen in direkter Proportionalität zu meiner räumlichen Entfernung zu selbigen steht. Kurz gesagt: Ich will meine Ruhe. Das allerdings ist anscheinend etwas, was den anderen Mitbewohnern unseres Felsklumpens als Letztes in den Sinn gelangt, wenn sie auf mich treffen. Versteht mich nicht falsch: Ich bin kein Menschenhasser oder so. Ich habe mir nur die Ansicht zu Eigen gemacht, dass es eher niedrig Anteile der Weltbevölkerung gibt, mit denen ich in näheren Kontakt gelangen will.

Gerade im Sportbereich und noch gerader im Deutschen scheint es aber eine enge Beziehung zwischen “Sport machen” und “Leute ertragen” zu geben. Natürlich kommt man bei bestimmten Sportarten gar nicht drum herum, sich mit Menschen zu treffen. Aber muss es immer gleich diese Vereinsmeierei sein? Kaum, dass man sich zu einer dieser e.V.s mit den lustigen Namen aufgemacht hat und als Neuer ein Probetraining absolviert, findet man sich in einem muffigen Nebenraum der Platz-Katakomben wieder. Dort sitzt der Vereinschef, der im wahren Leben kaufmännischer Angestellter bei einer Versicherung ist und macht einen auf Talentscout. Zunächst aber macht er mich auf die obligatorischen Pflichten eines Mitglieds aufmerksam. Man sollte schon die meisten Punktspiele mitmachen. Ach ja, und mehr als einmal im Monat abwesend zu sein, fördere den Teamgeist in keiner Weise.

Ich überdenke meine Optionen und sehe es schon vor meinem geistigen Auge. Alle 2 Monate wird ein lustiger Anlass gefunden, um alle zu einem Event einzuladen, das nur schwach den wahren Grund hinter dem vorgeheuchelten verdecken kann: Sie wollen weg von zu Haus und sie wollen Bier trinken. Na schön, da kann man sich ja raushalten. Tut man es aber dann, sind anklagende Nachfragen und der Vorwurf, arrogant zu sein die unweigerlichen Folgen beim nächsten Training. Auch denke ich sofort an die Zusatzverpflichtung, bei jedem Mal, wenn ich nicht zum Training kommen kann mein Telefon zu schnappen und nach meiner Absage dieses kindlich enttäuschte “Schon wieder? Schade!” zu vernehmen. Irgendwie weiß ich jetzt schon, dass ich mir das niedlich schlechte Infomaterial schnappen und nie wieder kommen werden.

Also kein Vereinsmitglied. Was dann? Geht man die Liste der Sportarten durch, die man allein durchführen kann, wird es im deutschen Flachland, in dem ich lebe, schon deutlich eng. Da wären: Joggen, Radfahren, Schwimmen (in Hallen mit Menschen, die ich alle im Verdacht habe, ina Becken zu pinkeln), Parkours (siehe Ambulanz-Bedenken oben) und halt Fitneß. Theoretisch gibt es noch mehr. Z.B. könnte man sich allein in eine Partie Sqash begeben. Das sollte man meiner Meinung aber nur tun, wenn man über eine eher geringen Selbstreflektion verfügt. Wer möchte schon darüber nachdenken, was man da eigentlich tut? Sich selbst durch eine Schachtel jagen?!? Lieber nicht!

Im Sommer habe ich da son meine kleinen Ausweichstationen. Ich schnappe mir einen Basketball und werfe ein paar Körbe. Macht man das eine gute Stunde lang auf einem Streetball-Feld, wird man bei ähnlich schlechter Korb-Trefferquote, wie ich sie habe, durchaus ein paar Kilometerchen zurück legen. Das ist mir irgendwie dann doch lieber, als mich beim Joggen zu überreden zu versuchen, dass es doch ganz nett wäre, schaufend und schwitzend durch das eigene Wohngebiet zu hechten. Einen Park gibts nicht in meiner Nähe und jedes Mal mit dem Auto hinfahren und dann meine Sitze vollzuschwitzen ist auch nicht das Wahre.

Radfahren fällt aus, weil es im Winter eher spaßlos ist und vor allem, weil ich kein Fahrrad habe. Das könnte man noch lösen, aber erstmal viel Geld ausgeben, um dann ein wenig Bewegung zu haben, klingt nach Ausrede. Auch schrecken mich die Radfahrer ab, die ich so auf der Straße sehe. Die meisten verkleiden sich mit lächerlichen Outfits und sehen aus, wie Eiskunstläufer in hässlichen Kostümen und ich möchte anmerken, dass ich noch keinen auf einem Rad entdecken konnte, der fröhlich grinsend bergauf gegen den Wind geradelt wäre. Die werden erst an lustig, wenn sie sich zur Rast treffen, um alkoholfreies Bier (LOL) zu trinken.

Schwimmen ist neben den erwähnten hygienischen Bedenken auch nicht mein Favorit. Ich bewege mich noch langsamer, als beim Joggen und sehe im Wasser nicht gerade souverän aus. Da ich Kraulen ehrlich gesagt nie gelernt habe, bleibt mir nur Brust und da sehe ich mich irgendwie immer von außen als kleiner Kopf, der rhythmisch aus dem Wasser aber kaum vorran kommt.

Billard wiederum ist bei richtiger Ausführung übrigens körperlich anspruchsvoller als viele meinen. Die, die es belächeln kann man sich in der Billardhalle seines Vertrauens ruhig mal als bewegungs-legasthenische Anschauungs-Subjekte zu Gemüte ziehen. Beim Billard muss man eigentlich seinen Oberkörper strecken und dehnen und trotzdem dosierte Kraft aus teilweise hazardistischen Postionen heraus entwickeln. Macht man das eine Stunde allein an einem Tisch, merkt man schon den einen oder anderen Rücken-Muskel. Nicht so, die spöttischen Verlacher. Sie sehen Billard als das, was sie draus machen. Sie mieten für eine Stunde einen Tisch, nutzen die Zeit, um möglichst viele Biere zu vernichten, die wiederum ihren ohnehin gering ausgeprägten feinmotorischen Apparat weiter beeinflussen und stehen beim Stoß eher unbeteiligt am Tisch. Sie bücken sich meist nicht, sondern nehmen eine Art Vogelperpektive auf den Tisch ein. Klappt der Stoß aufgrund mathemtisch als höchst unwahrscheinlich zu bezeichnender Umstandsverkettungen, können sie sich als eine Art Naturtalent feiern lassen. Klappt es nicht, tun sie so, als hätten sie sowieso kein Lochen im Sinn gehabt. Das alles wäre eigentlich nicht von Interesse, würde es nicht zu einer Lustverminderung meinerseits führen, mich scheel von solchen Leuten anglotzen zu lassen, während ich aus ihrer Sicht sinnlos allein um meinen Tisch tanze. Ich mache das zwar trotzdem ab und an, Spaß ist aber eigentlich anders.

Was bleibt also einem Neurotiker wie mir nach all diesen Überlegungen? Fitneßstudio, dachte ich mir und auf gings. Ich wollte mir gleich die eigenen Fluchtwege versperren und machte einen Termin zur Mitgliedschafts-Antretung. Plangemäß ließ ich diesen dann auch nicht verstreifen, sondern trat an, mich mit einer Mitt-Zwanzigerin im Trimm-Tempel zu treffen. Ich erklärte hier gerade heraus (in anderen Worten), dass ich ein körperliches Wrack wäre, was sie nach einem prüfenden Blick auf meine Figur nicht verneinte. War das also schonmal geklärt! Außerdem erläuterte ich ihr, dass es mir vor allem um die Aufrechterhaltung eines gewissen körperlichen status quo ginge. Dabei vermied ich geflissentlich die hier erwähnten lateinischen Fremdworte, da ich gleich beim Bekanntmachen merkte, dass da nicht allzuviele Lichter an ihrem Baum brannten. Sie ist sehr auf ihr Erscheinungsbild aber wenig auf Ihre Grammatik bedacht und sie lacht offensichtlich gern unmotiviert und laut. Nun gut, denke ich. Ich will ja auch keine tiefenpsychologischen Diskussionen mit ihr führen.

Wir verabreden einen Termin und ich erscheine ein paar Tage später. Ich weiß nicht recht, was man zum Fitneß anzieht und entscheide mich für eine lange Jogginghose und ein einfaches T-Shirt. Ein erster Blick in die Folterhalle macht mir klar, dass ich ein Noob bin . Ausgehend von der Überlegung, dass sich heute keine mehr sein Trainigszeug selbst näht, bin ich überrascht, welche Spezial-Applikationen man denn so erwerben kann, wenn man will. Bei einigen denke ich erst, dass sie nur kurz von kardiologischen Abteilung rübergeschafft worden sind, so verdrahtet sind sie. Alle konzentrieren sich irgendwie ständig auf ihren Puls und ackern wie die blöden an futuristischen Geräten. Ich bereue meinen Entschluss bereits, bleibe aber standhaft.

Meine Fitneß-Tante erklärt mir den sog. Rundkurs. Da sind 11 Geräte (von denen ich erstmal eins auslassen soll, wie sie mir mitleidig erläutert) im Kreis aufgebaut. In der Mitte springt eine Ampel in einem Rhytmus von Status zu Status. Dies, so erläutert sie mir, zeigt mir an, wann ich anfangen und aufhören soll, meinen bemitleidenswerten Körper zu malträtieren. Ich mache artig eine Runde unter ihrer Anleitung und merke dabei genau die Blicke der anderen, die durch die lauten Anleitungen der Fitneß-Nudel nun alle wissen: Aha, ein Neuer. Die zweite Runde ist schon besser, weil die Nerv-Quelle nicht mehr dabei steht und ich mache einfach mein Ding. Es zieht sogar ganz nett an den Stellen, die nach 12 Stunden Coding immer weh tun. Wird also helfen, hoffe ich.

2 Monate später: Ich war eher sporadisch als regelmäßig in der Halle des Schmerzes. Der Lust-Level sinkt von Mal zu Mal, aber ich war so schlau, 12 Monate im vorraus zu blechen. Dadurch könnte ich zwar immer noch weg bleiben, es würde aber mehr an mir nagen. Ich sitze nun allein dort, mache mich warm, mache meine Runden im Rundkurs und betrachte während dessen die anderen Irren. Einsame Frauen auf Fahrrädern, die sich bewundernswert mühen, die Entwicklung der eigenen Figur um 15 Jahre zurück zu drehen. Mitt-Vierziger, die sich jedes Mal ein paar Kilo zu viel auflegen und dann vernehmlich keuchen, damit jeder denkt, sie wären ganz schön fitt für ihr alter (ich glaube, die einsamen Fahrradfahrerinnen sind das Ziel ihrer Begehrlichkeiten). Schnösel Anfang 20, die bei jedem Push im Spiegel nachsehen, ob der Trizeps jetzt ein wenig runder erscheint. Und so weiter und so fort.

Letztlich mache ich hier keinen Sport. Es ist mehr eine Art medizinische Notwendigkeit, die allerdings eventuell keine reellle ist. Es könnte vielmehr sein, dass das ganze Gequatsche im Fernsehen, die Werbebilder und das Gelaber über die Work-Life-Balance einfach dazu führt, dass es so viele Schafe gibt, die das sofort mitmachen, dass ich selbst auch eins wurde. Vielleicht braucht das alles kein Mensch! Vielleicht sollte ich mich einfach gerader hinsetzen, ab und an mal ein paar Stunden wandern gehen und gut ist. Das ist nämlich das, was unsere Großeltern immer gemacht haben und denen gings eigentlich ganz gut damit!

Und vergessen wir nicht: Es gab in der Geschichte schon öfter Gesellschaften mit Gesundheits- und Körperkulten. Die Römer z.B. begannen, sich in Thermen und auf Sportplätzen zu tummeln. Das aber erst, als sie nicht mehr auf den Acker mussten und als Krieg durch andere geführt wurde! Ich sehe da irgendwie immer mehr Parallelen entstehen und suche noch immer nach einem Sinn in meinem Tun auf den Streckbänken. Ich werd wohl keinen finden und trotzdem weiter machen, um mein Gewissen zu beruhigen. Na denn – Sport Frei!

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