Vom Erfolg der Faulheit
Posted by sprinter | Filed under CSV rules
Der Titel dieses Kapitels mag zunächst den Einen oder Anderen in eine ungewollte Richtung schweifen lassen. Schreiben möchte ich darüber, wie die Faulheit weniger zunächst zu Coolnis und dann zum Leiden anderer werden kann, wie die aktuelle Entwicklung zeigt.
Es ist noch nicht ganz ein Jahr her, da habe ich einem meiner Kunden die Vorzüge und die Eleganz von Microsoft Silverlight näher zu bringen versucht. Nicht, dass das nicht schon schwer genug gewesen wäre! Wie grenzt man das neue Ungetüm denn nun von Flash ab? Was bringt es dem Kunden genau? Wie sieht es denn mit der Zukunftssicherheit aus? Gerade die letzte Frage konnte man als Microsoft-Jünger eigentlich mit einem süffisanten Lächeln beantworten: „Kein Problem! Microsoft wird doch nicht alle seine Kunden und vor allem Entwickler abschrecken! Das haben die früher mal gemacht, aber die sind inzwischen schlauer geworden!“.
OK. Der Kunde war irgendwann sturmreif argumentiert und ließ sich auf das Spielchen ein. Alles schien perfekt zu werden. Auch die Ergebnisse haben ihm ein seliges Lächeln und die Anerkennung durch seine Vorgesetzten eingebracht, wobei Letzteres deutlich höher zu priorisieren ist.
Zeitsprung
Es passiert etwas merkwürdiges in der Welt der Betriebssysteme. Selbst der letzte Voll-Noob weiß jetzt, dass es neben Microsoft noch einen anderen Anbieter von Betriebssystemen gibt: Apple. Nachdem Lt. Dan sein Geld aus der Schrimpps-Kutter-Industrie in diesen „Obst“-Lieferanten gesteckt hatte, übernahm dort ein neuer charismatischer Schicksalslenker erneut das Ruder und sah die Zeit gekommen, da man Leuten, die bisher strikt dagegen waren, ein 10 Jahre altes Nokia auf einem Firmengelände zuzulassen die Mund mit Wischgesten und Apps wässrig machen konnte.
Damit das Ganze aber so richtig flutscht, musste erstmal die technische Basis des eigenen Betriebssystems aufgemöbelt werden und man brachte ein niegelnagelneues MacOS heraus. Super sache soweit, denn Intel war plötzlich mit dabei (immer eine gute Idee) und vor allem konnte man plötzlich mit ein wenig HTML und JavaScript kleine Erweiterungen für den Desktop zaubern.
Das war dann für eine kurze Zeit in aller Munde. Irgendwelche Früh-Übernehmer (oder wie übersetzt man early adopters?) waren gleich zur Stelle und hatten bereits zur Presse-Erklärung Lösungen am Start. Super Sache eigentlich, aber verschwunden war es auch ganz schnell wieder und keiner sprach mehr davon.
Was aber steckte dahinter? Meiner Meinung nach gaaanz einfach Faulheit oder Zeitdruck bei Apple. Die hatten ganz einfach keine Zeit oder keinen Bock darauf, eine weitere API aufzustellen und zu dokumentieren und haben das gemacht, was jedem App-Programmierer anderer Firmen bei Todesstrafe verboten ist. Sie haben einfach einen halbtransparenten Browser gebaut und zeigen den auf ihrem Desktop an. Der wird schön eingesperrt, damit die Bildchen von Oma nicht plötzlich Wandertag bekommen und fertig.
Eigentlich hätte man das damals schon verdammen müssen, aber die Funktion war so unwichtig, dass jeder nur dachte, ach die lassen wir mal machen.
Zeitsprung
Irgendeiner konnte seinen Mund nicht halten. Es war wohl letztlich Bob Muglia, der sich verplapperte und irgendeinem Korrespondenten sagte, das Silverlight wohl durch HTML und JavaScript ersetzt wird. Aber es war nicht Bob allein. Jeder der sich die Preview des neuen Visual Studio nicht nur herunter- sondern auch reinzog wurde bei jedem Versuch, ein neues Projekt zu erstellen immer gleich standardmäßig in die HTML-Ecke gedrängt. Nachtigall, ick hör Dir trapsen!
Was aber soll das ganze Gequatsche? Was soll das heißen, Silverlight könnte durch HTML ersetzt werden? Ich dachte darüber nach und das Ganze eine schöne Weile lang. Inzwischen riefen die Kunden an (es war nicht nur einer gewesen) und waren nervös wegen Meldungen, die mich Lügen straften.
Zunächst dachte ich an eine perfide Verschwörung der Leute vom Windows-Team bei Microsoft (die dunkle Seite), die den Development-Jungs (helle Seite) hämisch grinsend eins reinwürgten. Diese Vorstellung tröstete mich eine Weile, weil man da ja dann in eine Art Rebellion zusammen mit den coolen Leuten treten könnte. Irgendwie wollte diese Vision aber keinen rechten Sinn ergeben, weil auch die guten Jedi bei MS anfingen, immer mehr HTML-Kram zu bloggen. Was war nur los?
Und dann traf mich die Erkenntnis mal wieder. Sie adaptieren letztlich nur den Apple-Workaround. Natürlich! Keine APIs mehr getrennt für Client- und Web-Entwickler! Kein blödes Trennen mehr von Mobil- und Desktop-Apps! Wir machen es einfach falsch herum aber sparen eine Menge Kohle!
Ich glaube kaum, dass ein vernünftiger Mensch bei MS wirklich glaubt, dass jenseits der „Ich-browse-meine-lokalen-Fotos-und-schiebe-sie-auf-Facebook“-Apps irgendeiner auch nur den Funken einer Idee hat, wie man Anwendungen vom Kaliber Photoshop, SQL Server Management Studio, ACDSee oder Word vernünftig in Metro unterbringen soll. Auch schert es bei den Windows-Marketing-Trolls keinen Einzigen, wie man als Entwickler auf die Oktilliarden von Screen-Größen eingehen soll, ohne dass die Icons aussehen, als hätte einer mit dem Hammer oben drauf gehauen.
Das ist denen egal, weil sie 100 Designer haben, die ihnen für ihre Präsis und Beispiel-Webseiten schnell mal ein schickes Design verpassen. Weil es ihnen egal sein kann, welches Tab ein Kunde denn nun wirklich einsetzt. Sie können coole Sachen bauen und hinterlassen uns dann wieder mit einem schalen Gefühl im Magen, dass die eigene App irgendwie nicht so fluffig ist, wie die von MS.
Und Silverlight? Jetzt ist Version 5 rausgekommen. Amazon bietet inzwischen 95 Titel dazu an. Jede MIX-Konferenz war voll von Demos und Großkundenprojekten. Und trotzdem wird es auslaufen. Die Großkunden werden unterstützt. Neue Bücher werden erscheinen. Und die Geldmaschine läuft von Neuem an. Dass das Eine mit dem anderen überhaupt nichts zu tun hat, spielt bei der Diskussion keine Rolle.
Silverlight bringt ein Security-Konzept mit, ist quasi eine virtuelle Maschine für Apps. Es basiert nativ auf Vektoren und kann super skalieren. Wir wissen als Entwickler immer genau, was unsere App vorfindet. HTML ist nur ein Standard, keine Technologie! Ich behaupte, dass der Einsatz von HTML und JavaScript außerhalb eines Browsers per se ein Missbrauchen einer Idee darstellt.
Stackoverflow soll schon mal Speicher kaufen, denn die Foren werden voll sein von Fragen nach Performance und Zugriff auf lokale Ressourcen. Es wird Tonnen von nuget-Plugins hageln, die irgendwie das Verhalten herstellen, was Silverlight eigentlich schon eingebaut hatte. Ja gut, es wird WinRT als Schnittstelle geben. Und dann? Ich denke, dass es vor allem tausend Löcher in die Windows-Security schießen wird, wenn es all das leisten wird, was Silverlight schon kann.
Was bleibt also übrig? Die Erkenntnis, dass nicht immer alles seinen richtigen Weg geht. Ich werde auch diese Pille schlucken müssen. Ich könnte auch ins Java-Lager wechseln und mir den dort verzapften Stuss antun. Viel besser wird es da aber auch nicht. Vielleicht, wenn ich mal einen Kühlschrank programmieren soll, mal sehen. Jedenfalls muss man wahrscheinlich einfach seine Ideale von der IT, wie sie sein sollte ablegen. Solche Dinge beißen sich immer mit BWL, Marketing und Mainstream und Letztere haben von Natur aus die langen Hebel!